Stille und Einsamkeit: Die Flucht vor der Informationsflut


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Hast du schon einmal das Bild einer ruhigen Landschaft betrachtet und dich dabei nach einem Moment des einsamen Nachdenkens gesehnt? Du bist nicht allein.

In einem chaotischen digitalen Zeitalter fehlt es uns oft an solchen ruhigen Momenten. Künstler und Marken reagieren auf diese Sehnsucht nach Fluchten in Stille und Einsamkeit und kreieren damit unseren erster Visual Trend für das Jahr 2018.
Wir beobachten eine wachsende Nachfrage nach Bildern, die Komfort und Regeneration vermitteln; Bilder, die uns zurück in die Natur führen, die zeigen, dass weniger mehr ist. Wir reagieren auf Bilder, die Ruhe bieten – denn sie wirken wie ein Hauch frische Luft für den Betrachter. Sie bieten eine Pause von einer anstrengenden und verwirrenden Zeit.
Cesar Santillàn / Adobe Stock
Der Lärm
Wie Michael Kimmelman, Architekturkritiker der New York Times, es formulierte: Wenn der Geruch im Mittelalter die “unausgesprochene Plage der Städte” war, dann ist unsere Plage heute der Lärm. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erleben viele von uns täglich ungesunde Lärmpegel, die sich auf alles auswirken, vom Schlaf über die Herz-Kreislauf-Gesundheit bis hin zu Arbeits- und Schulleistungen.
Aber es ist nicht nur der buchstäbliche Lärm, der uns plagt, sondern auch die 24-Stunden-Nachrichten, die Politik und die unerbittliche Anziehungskraft digitaler Ablenkungen. Jüngste Studien zeigen, dass wir fünf Stunden am Tag auf mobilen Geräten verbringen und mehr als zehn Stunden pro Tag Informationen über unsere Bildschirme aufnehmen – das ist deutlich mehr Zeit, als wir mit Schlafen verbringen! Dieser „Always-on“-Lebensstil lässt uns davon träumen, abzuschalten. Kreative Menschen bemerken diese Entwicklung und bieten Lösungen an.
Anna Cor / Adobe Stock
 Stille und Einsamkeit schaffen
Mit den zunehmenden Geräuschen wächst auch unser Bedürfnis nach einem Ort, an dem wir atmen, uns erholen und unser digitales Leben bewusster angehen können. Im Büro sehen wir eine starke Zunahme von allem, von Kopfhörern mit Geräuschunterdrückung bis hin zu Architektur- und Büromöbeln, die Geräusche dämpfen sollen. Kein Wunder – eine aktuelle Studie hat ergeben, dass ein typischer Büroangestellter nur 11 Minuten zwischen zwei Unterbrechungen hat. Kombiniert mit der Tatsache, dass es durchschnittlich 25 Minuten dauert, bis man nach einer Unterbrechung zur ursprünglichen Aufgabe zurückkehrt, und es wird einem bewusst, was eine Oase der Ruhe für unsere Produktivität bedeuten kann.
Navy, eine Design-Agentur in Melbourne, Australien, hat die Suche nach Einsamkeit noch weiter vorangetrieben – sie haben eine tägliche Stunde Ruhezeit eingeführt, in der die Mitarbeiter sowohl online als auch offline schweigen. Das Unternehmen behauptet, dass ihre Teams um 23 Prozent produktiver und deutlich weniger gestresst sind, seit sie das Programm gestartet haben, und, dass sie sogar Freitagnachmittage wegen der Produktivitätssteigerung freinehmen können. Jenseits des Büros wird die Stille zu mehr als nur die Abwesenheit von Lärm, sie entwickelt sich zu einem Luxusgut. Zum Beispiel hat VisitScotland damit begonnen, Touristen anzuziehen, indem es mit Ruhe wirbt, und die Pariser High-End-Dekorshow Maison et Objet stellte vor kurzem Inneneinrichtungen vor – von Vasen bis zu Möbeln –, die dazu gedacht ist, ruhige Räume zu schaffen.
Fran Mart / Adobe Stock
Für die Verbraucher, die sich dem digitalen Rauschen bewusst nähern wollen, hat das Startup-Unternehmen Watermelon Sugar eine App entwickelt, mit deren Hilfe man sich als digitales Selbst darstellen lassen kann, das behaart und unförmig wird, wenn man zu viele digitale Informationen verschlingt.
Stille und Einsamkeit in der visuellen Welt finden
Diese Sehnsucht nach mehr Raum zum Denken und Atmen wirkt sich auch auf die visuelle Welt aus. Denkt nur an Doug Wheelers jüngste Ausstellung im Guggenheim-Museum, in der die Besucher sowohl in buchstäbliche Stille als auch in einen visuellen Eindruck von endlosem, unbesetztem Raum versinken konnte.
In der Welt der Stockmedien reicht der neue Trend von atemberaubenden Landschaften über Momente der Einsamkeit bis hin zu Bildern mit sehr wenig visuellem Rauschen.
Die Bilder des Naturfotografen Sander van der Werf beispielsweise bieten dem Betrachter eine zeitweilige Flucht aus der vom Menschen konstruierten Welt. Während seiner Reise in das schwedische Lappland ertrug Sander harte Bedingungen, campte bei Temperaturen weit unter Null, genoss aber auch “wunderbare, helle, schöne Landschaften und großartige Möglichkeiten für Nachtaufnahmen” fügt er hinzu.
Sanderstock / Adobe Stock
Die Bedingungen selbst erforderten eine Art Simplizität, die Teil dessen sein kann, was wir als Betrachter von Sanders Werk aufnehmen. „Gerade bei langen Wanderungen muss ich das Gewicht meines Rucksacks reduzieren. Das bedeutet, dass ich wählen muss, welche Fotoausrüstung ich einpacken und was ich zu Hause lassen möchte. Ich muss ein Minimalist sein.”
Die Fotografin Julia Nimke verbringt das Jahr ihrer Adobe Creative Residency damit, an entlegene Orte zu reisen und Menschen zu treffen, die in den Kulissen der traditionellen europäischen Volksmärchen leben. „Ich habe mich schon immer für die Abgeschiedenheit und das Alleinsein interessiert”, erklärt sie. Während sie sich außerhalb der Reichweite von High-Tech-Geräuschen bewegt, ändert sich auch ihr Tempo. „Das Finden von Leuten, die ich ohne Hilfe des Internets interviewen und fotografieren kann, hilft mir, einen langsameren Arbeitsablauf aufrechtzuerhalten; es zwingt mich, Zeit in einem Gebiet zu verbringen, um Menschen von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen.“ Die daraus resultierenden Bilder erlauben es uns innezuhalten, über unsere digitalen Verhaltensweisen nachzudenken, und zu reflektieren, ob wir wirklich alle diese Informationen so schnell verschlingen wollen.
Wir haben Julia um einen Rat, den sie anderen Künstlern, die die Einsamkeit genießen wollen, gebeten: “Es ist manchmal schwer und man kann sich einsam anfühlen, aber danach kommt ein ganz neues Gefühl des inneren Friedens. Ich habe das Gefühl, dass es wichtiger denn je ist, aus dem Universum des übermäßigen Konsums herauszukommen und sich mit einer minimalen Menge an Dingen zu umgeben, dafür aber mit maximaler Natur oder, was auch immer es ist, nach dem man sich sehnt”.
Julia Nimke / Adobe Stock
Mehr Stille und Einsamkeit
Lust auf weitere Stockbeiträge, die Stille und Einsamkeit umfassen? Dann besucht unsere Adobe Stock-Galerie und folgt uns im Januar und Februar, wenn wir mit Künstlern sprechen, deren Arbeit uns Pause, Ruhe und Raum zum Nachdenken gibt. Und verpasst nicht unsere vollständige Trendprognose für 2018.

Titelbild von Marcel